Das Sammeln und Rasten
Der bedeutendste Rastplatz in Deutschland befindet sich an der Ostseeküste
in der Rügen-Bock-Region. Große Rastplätze sind auch von der unteren Oder,
der Mecklenburgischen Großseenplatte (z. B. die Müritz und die Langenhägener
Seewiesen), dem Rhinluch und Havelländischem Luch (z.B. Linumer Fischteiche
und Nauen) sowie seit einigen Jahren aus der Oberlausitz bekannt. Weitere
Rastplätze mit Ansammlungen von einigen hundert bis zu rund eintausend
Kranichen gibt es im südöstlichen Schleswig-Holstein, in Niedersachsen und
in Hessen.
Das Zentrum eines Rast- oder Sammelplatzes bilden ein oder mehrere
Schlafplätze. Sie befinden sich in Gewässern mit Flachwasserbereichen zum
Schutz vor ihren Feinden, in
denen die Kraniche nachts stehend schlafen. Tagsüber suchen die Tiere auf
nahe gelegenen Ackerflächen nach Nahrung.
Zwischen Ende Oktober und Anfang November ziehen die Kraniche aus
Mitteleuropa ab. In milden Wintern bleiben gelegentlich kleinere
Kranichtrupps in Deutschland. Dies ist in den letzten Jahren zunehmend zu
beobachten.
Die Bedeutung der Rügen-Bock-Region als Rastplatz
Die Rügen-Bock-Region ist der bedeutendste Kranichrastplatz in Mitteleuropa.
Etwa die Hälfte der gesamten Population des westeuropäischen Zugweges rastet
hier. Im Herbst sind es bis zu 40000 Kraniche aus Skandinavien, dem Baltikum
und Polen gleichzeitig.
Seit den 1970er-Jahren hat sich die Anzahl der Vögel auf Grund gut
geschützter Schlafstellen und verstärktem Getreide- und Maisanbau auf extrem
großen Schlägen ständig erhöht. Die Rastkapazität ist nun offensichtlich
erreicht. An den Schlafplätzen der Bock-/Werder Inseln schlafen bis 25000,
auf Rügen bis 14000 und auf der Insel Kirr bis zu 8000 Kraniche. Seit Beginn
der neunziger Jahre stagniert die Rastzahl bedingt durch die Veränderungen
in der Landwirtschaft. Da heute - im Gegensatz zu früher - mit modernen
Maschinen fast verlustfrei gearbeitet wird, sind Ernterückstände auf
Stoppelfeldern, von denen sich die Rastvögel ernähren, gering. Durch
Förderprogramme der Europäischen Union und von Umweltverbänden
werden Ausweichflächen zur Nahrungsaufnahme geschaffen. Dies
geschieht auch im Interesse der Landwirte, weil versucht wird,
die Kraniche von den landwirtschaftlichen Nutzflächen fern zu
halten und somit Schäden zu minimieren. Es bedarf aber einer
Kompromissbereitschaft von beiden Seiten.
Der eindrucksvolle Überflug am Morgen und Abend
Nachts schlafen die Kraniche stehend in den flachen Gewässern des Boddens
(Flachwasserzone der Ostseeküste). Hier sind sie vor Bodenfeinden sicher.
Morgens fliegen sie in langen Ketten zu den Nahrungsflächen, abends kehren
sie zum Schlafplatz zurück.
Die
Schlafplätze sind uneingeschränkt zu schützen. Störungen verunsichern die
Vögel, trennen Eltern von ihren Jungen, und eine Flucht verursacht einen
zusätzlichen Energieverbrauch, der durch vermehrte Nahrungsaufnahme
ausgeglichen werden muss. Bei stärkeren Störungen werden Schlafplätze völlig
aufgegeben.
Auf das beeindruckende Naturschauspiel des abendlichen oder morgendlichen
Fluges zum oder vom Schlafplatz brauchen die Besucher trotzdem nicht zu
verzichten. Am besten können Sie die Kraniche von den empfohlenen
Aussichtspunkten
aus beobachten. Gleiches gilt für die Beobachtung der Kraniche bei ihrer Nahrungssuche.
Wenn Sie Kraniche auf einem Feld oder einer Wiese entdecken, bleiben Sie
bitte in Ihren Fahrzeugen, da die Rastvögel eine große Fluchtdistanz von
mindestens 300 Meter haben. Beobachter im Auto tolerieren die Kraniche auch
aus geringerer Entfernung. Sobald
Sie aber aussteigen, fliegen sie auf und davon.
Energiereserven für den Flug ins Winterquartier
Für den mehrere tausend Kilometer langen Zug in die Winterquartiere
benötigen die Kraniche Energiereserven, die in Form von Fettdepots während
der Rast durch energiereiche Nahrung angelegt werden.
Die Kraniche fliegen von den Schlafplätzen aus bis zu 30 Kilometer ins
Land hinein, um Mais- und Getreidestoppelfelder sowie Neusaaten von Gerste
und Weizen zu finden. Auf Flächen mit gutem Nahrungsangebot versammeln sich
Hunderte bis Tausende Kraniche. Ein Kranich nimmt täglich 200 bis 300 Gramm
Getreide auf.